Ergebnisse der ATLAS-Bedarfsabfrage

Digitale Räume prägen den Alltag junger Menschen längst grundlegend – und stellen gleichzeitig neue Anforderungen an die Jugend(sozial)arbeit. Die aktuelle Bedarfsabfrage im Rahmen von ATLAS macht deutlich, wie stark Fachkräfte mit den Dynamiken digitaler Lebenswelten konfrontiert sind und wo sie konkrete Unterstützung benötigen. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild von Herausforderungen, Unsicherheiten und Entwicklungspotenzialen.

Digitale Lebenswelten sind keine Ergänzung mehr, sondern eine fachliche Grundlage. 74 Prozent der befragten Fachkräfte bewerten sie als besonders relevant für ihre Arbeit. Plattformen, Kommunikationsformen und Trends verändern sich rasant, während Ressourcen und strukturelle Unterstützung oft nicht im gleichen Tempo mitwachsen. Gleichzeitig zeigen die Rückmeldungen, dass digitale Räume weit mehr sind als Orte des Konsums. Sie beeinflussen Identitätsentwicklung, soziale Beziehungen, politische Meinungsbildung und Risikoverhalten junger Menschen. Wer Jugendliche erreichen will, muss diese Zusammenhänge verstehen.

Eng damit verbunden ist ein weiteres deutliches Signal: 67 Prozent der Fachkräfte beobachten einen zunehmenden sozialen Rückzug und eine wachsende Einsamkeit unter Jugendlichen. Trotz permanenter Online-Präsenz fehlt es häufig an emotionaler Anbindung. Digitale Rückzugsbewegungen bleiben dabei oft unsichtbar und erschweren es, frühzeitig unterstützend einzugreifen. Für die Praxis bedeutet das, neue Wege zu finden, um Gesprächsanlässe zu schaffen und auch im digitalen Raum tragfähige Beziehungen aufzubauen.

Noch stärker fällt die Einschätzung im Bereich problematischer Inhalte aus: 76 Prozent der Befragten sehen das Erkennen von diskriminierenden, verschwörungsideologischen oder extremistischen Narrativen als zentrale Herausforderung. Jugendliche bewegen sich in digitalen Umgebungen, in denen KI-generierte Inhalte, Deepfakes und manipulative Darstellungen zunehmend präsent sind. Die Grenzen zwischen verlässlichen Informationen und Inszenierung verschwimmen. Für Fachkräfte entsteht daraus die Aufgabe, Orientierung zu geben und kritisches Denken zu fördern – bei gleichzeitig hohem Tempo der Entwicklungen.

Parallel dazu zeigt sich eine große Verunsicherung im professionellen Umgang mit digitalen Räumen. Viele Fachkräfte berichten von unklaren Rahmenbedingungen, widersprüchlichen Datenschutzvorgaben und fehlenden Leitlinien. Fragen nach professioneller Kommunikation, dem Schutz der eigenen Privatsphäre oder der Balance zwischen Nähe und Distanz bleiben oft unbeantwortet. Diese Unsicherheiten führen nicht selten dazu, dass digitale Kontaktmöglichkeiten trotz ihrer Relevanz zurückhaltend genutzt werden.

Auch die Frage der digitalen Erreichbarkeit wird kritisch reflektiert. Zwar verfügen viele Einrichtungen über Social-Media-Kanäle, erreichen damit jedoch häufig nicht die intendierte Zielgruppe. Stattdessen werden Inhalte vor allem von Fachkolleg:innen oder Institutionen wahrgenommen. Digitale Erreichbarkeit bedeutet mehr als Präsenz – sie erfordert zielgruppengerechte, strategische und dynamische Ansprache. Fehlende Ressourcen, unklare Strategien und schnell wechselnde Plattformpräferenzen erschweren eine wirksame Ansprache zusätzlich.

Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse die enge Verzahnung von digitalem und analogem Raum. Mehr als die Hälfte der Fachkräfte berichtet, dass sich online entstandene Dynamiken im realen Alltag fortsetzen. Ob Konflikte, Trends oder politische Narrative – digitale Beobachtungen sind wichtige Hinweise für pädagogisches Handeln, Prävention und Angebotsentwicklung.

Über alle Themen hinweg formulieren die Fachkräfte klare Erwartungen an unterstützende Strukturen. Gewünscht werden vor allem praxisnahe, verständliche und sofort nutzbare Unterstützung. Die Bereitschaft, digitale Räume aktiv zu gestalten, ist vorhanden – sie braucht jedoch verlässliche Orientierung und fachliche Begleitung.

Hier setzt ATLAS an. Ziel ist es, Fachkräften fundiertes Wissen bereitzustellen, Entwicklungen einzuordnen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für die Praxis zu entwickeln. Als Plattform für Austausch, Qualifizierung und Orientierung will ATLAS dazu beitragen, digitale Jugend(sozial)arbeit wirksam, sicher und zeitgemäß zu gestalten.

Die Ergebnisse der Bedarfsabfrage machen deutlich: Digitale Lebenswelten zu verstehen ist keine Option, sondern Voraussetzung. Daraus ergibt sich der Auftrag, fachliche Standards weiterzuentwickeln, Räume für Lernen und Austausch zu schaffen und die Praxis nachhaltig zu stärken. ATLAS versteht sich dabei als verbindendes Element zwischen Wissen, Erfahrung und konkretem Handeln.

Das Projekt ATLAS beobachtet und analysiert digitale Lebenswelten Jugendlicher und bereitet diese Erkenntnisse für die Fachpraxis auf. Ziel ist es, die Dynamiken dieser digitalen Räume besser zu verstehen und daraus Wege abzuleiten, wie reale Teilhabe, Beziehungen und Unterstützungsangebote für junge Menschen gestärkt werden können. 

Die Veranstaltungsreihe ATLAS Connect verbindet aktuelle Beobachtungen aus digitalen Räumen mit prägnanten Fachimpulsen und bietet Raum für praxisnahe Reflexion und Austausch – damit Fachkräfte Trends schneller einordnen, Risiken erkennen und konkrete Handlungsoptionen für ihren Arbeitsalltag entwickeln können. 

Das Projekt wird umgesetzt von der LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e.V. und wird finanziert durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration aus Landesmitteln, die der Landtag Baden-Württemberg beschlossen hat.