Zwischen Brennen und Wirken | Demokratische Bildungsarbeit, Wirkmacht und Bündnisarbeit im Praxistest

Was wirkt wirklich? Eine Zwischenbilanz nach zwei Premieren

Vor einem Jahr stand ich in einem Kino in Sindelfingen bei einer Filmpremiere, die für viele mehr war als ein kultureller Abend. Es war ein Moment des Zusammenkommens, zu einer Zeit, in der sich gesellschaftlich bereits erste Ermüdungserscheinungen breitmachten. Viel Engagement, viel Frustration, wenig Gewissheit, ob das alles eigentlich noch etwas bewegt.

Heute, ziemlich genau ein Jahr später, steht erneut eine Filmpremiere an. Dazwischen liegen zwei Videoprojekte, zahlreiche Gespräche, sehr unterschiedliche Erwartungen – und eine Erkenntnis, die sich immer stärker verdichtet hat: Demokratische Arbeit wirkt selten dort, wo man sie am lautesten vermutet.

Dieser Text ist kein Projektbericht und keine Erfolgsgeschichte. Er ist eine Zwischenbilanz. Über Bündnisarbeit, über realistische Wirkmacht – und über die Frage, warum es sich trotzdem lohnt, Räume für Begegnung, Irritation und gemeinsame Erfahrungen zu schaffen.

Er ist zugleich eine Einladung: Das zweite Videoprojekt wurde von Anfang an nicht nur als Film gedacht, sondern als Lernanlass. Begleitet von einer Evaluation, ergänzt durch ein „Kochbuch“ zur Umsetzung und eingebettet in eine neue E-Learning-Plattform, auf der wir seit Anfang Januar Vorträge, Erklärvideos, Workshop-Anleitungen und Formate zur politischen Bildung bündeln.

Die Plattform ist kein Schaufenster, sondern ein Arbeitsraum – für alle, die sich fragen, wie demokratische Bildungsarbeit jenseits von Symbolik konkret aussehen kann. Die entsprechenden Links finden sich wie immer in den Kommentaren.

Bevor ich auf das aktuelle Projekt eingehe, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Denn weder das Bündnis noch die Projekte sind aus dem Nichts entstanden.

Warum viele Bündnisse entstehen – und dann an ihre Grenzen stoßen

Der Ausgangspunkt liegt zwei Jahre zurück. Die Correctiv-Enthüllungen über das Treffen zur sogenannten Remigration in Potsdam wirkten wie ein Katalysator. Nicht, weil sie etwas völlig Neues offenbarten, sondern weil sie etwas sichtbar machten, das viele bereits geahnt hatten. Die Reaktionen folgten schnell: Demonstrationen, Kundgebungen, Solidaritätsbekundungen – bundesweit.

Auch in Sindelfingen entstand in dieser Phase ein lokales Bündnis. Wie vielerorts getragen von sehr unterschiedlichen Menschen, Biografien und politischen Sozialisationen. Was sie einte, war weniger ein gemeinsames Konzept als ein gemeinsames Gefühl: So wie bisher kann es nicht einfach weitergehen.

Relativ früh zeigte sich jedoch ein Spannungsfeld, das für viele Bündnisse typisch ist. Demonstrationen sind wichtig, sichtbar und mobilisierend. Aber sie beantworten nicht die Frage, wie Engagement über den Moment hinaus tragfähig bleibt. Viele wollten mehr tun – wussten aber nicht genau was. Und genau an diesem Punkt wird Bündnisarbeit anspruchsvoll: Wenn aus Empörung Praxis werden soll.

Mein eigener Zugang war deshalb kein aktivistischer, sondern ein strukturierender. Aus der Erfahrung vorheriger Projekte war klar, dass Bildungs- und Begegnungsformate eine besondere Rolle spielen können – gerade dort, wo Menschen sich noch nicht kennen, sich noch nicht einig sind und dennoch gemeinsam handeln wollen. Die Gründung einer AG Bildung im Bündnis war weniger strategischer Masterplan als ein Angebot: Lasst uns etwas tun, an dem wir uns kennenlernen können.

Dass Sindelfingen dafür ein geeigneter Ort war, lag auch an bestehenden Erfahrungen. Mit Formaten wie Team Demokratie gab es bereits Anknüpfungspunkte, Netzwerke und ein gewisses Vertrauen in lokale Bildungsarbeit. Das Bündnis musste nicht bei null anfangen – aber es musste seinen eigenen Weg finden.

Warum Bildung im Bündnis kein Luxus, sondern Infrastruktur ist

In vielen Bündnissen taucht relativ früh eine implizite Rangordnung auf: Sichtbare Aktionen gelten als wirksam, Bildungsarbeit als flankierend. Demonstrationen erzeugen Bilder, Workshops eher Protokolle. Genau darin liegt jedoch ein Missverständnis.

Bildungsarbeit im Bündnis ist kein Luxus, sondern Infrastruktur.

Sie schafft Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, bevor sie sich politisch festgelegt haben. Sie erlaubt Aushandlung statt Zuspitzung. Und sie macht es möglich, dass Engagement nicht nur aus Empörung entsteht, sondern aus Beziehung.

Gerade in heterogenen Bündnissen ist das entscheidend. Wenn Menschen mit unterschiedlichen politischen Sozialisationen, Wissensständen und Erwartungen zusammenkommen, braucht es Formate, die nicht sofort auf Einigkeit zielen. Projekte können genau das leisten: Sie verschieben den Fokus von Positionen hin zu gemeinsamen Erfahrungen. Man arbeitet zusammen, bevor man sich vollständig versteht. Und oft versteht man sich gerade deshalb besser.

Für mich war deshalb früh klar: Wenn das Bündnis in Sindelfingen mehr sein soll als ein loses Netzwerk punktueller Aktionen, braucht es Formate, die Verbindlichkeit ohne Homogenität ermöglichen. Bildungs- und Kulturprojekte bieten dafür einen geeigneten Rahmen. Nicht, weil sie konfliktfrei wären – sondern weil sie Konflikte aushaltbar machen.

Wie das erste Videoprojekt zeigte, wie Bündnisse wirklich arbeiten

Das erste Videoprojekt des Bündnisses war deshalb bewusst niedrigschwellig angelegt. Es ging nicht darum, ein perfektes Produkt zu schaffen, sondern einen gemeinsamen Arbeitsprozess zu ermöglichen. Die Inspiration kam aus bestehenden Projekten, die in anderen Kommunen bereits umgesetzt worden waren. Kein radikal neues Format – aber eines mit klarer Haltung.

Rückblickend war es genau das richtige Einstiegsprojekt. Nicht zuletzt, weil es zeigte, wie Bündnisse tatsächlich funktionieren. Basisdemokratisch. Mit vielen Abstimmungen. Mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Und ohne klare Hierarchien. Es gab niemanden, der den sprichwörtlichen „Chef-Hut“ aufhatte. Entscheidungen mussten ausgehandelt werden. Das kostete Zeit. Viel Zeit.

Am Ende dauerte es fast ein Jahr, bis das Video fertiggestellt war. In klassischen Projektlogiken wäre das ein Problem. In der Realität eines Bündnisses war es vor allem eines: ehrlich. Demokratie ist selten effizient. Sie ist sperrig, widersprüchlich und manchmal anstrengend. Aber genau darin liegt ihre Stärke.

Als das Video schließlich Premiere hatte, war die gesellschaftliche Stimmung bereits eine andere als zum Start des Projekts. Die große Mobilisierung nach den Correctiv-Enthüllungen war abgeebbt. Die Zustimmungswerte für die AfD hoch. Viele Engagierte müde. Und doch wurde dieser Premierenabend zu etwas Besonderem.

Nicht, weil das Video plötzlich alles verändert hätte. Sondern weil es Menschen wieder zusammenbrachte. Weil es sichtbar machte: Wir sind nicht allein. Wir arbeiten weiter. Vielleicht langsamer, vielleicht leiser – aber gemeinsam. Der Erfolg lag nicht in der Reichweite, sondern in der Selbstvergewisserung.

Diese Erfahrung war prägend. Sie zeigte, was Bündnisse leisten können – und was nicht. Und sie führte direkt zu einer Frage, die mich seitdem begleitet: Wie realistisch schätzen wir unsere eigene Wirkmacht eigentlich ein?

Warum die Frage nach Wirkmacht unbequem, aber unvermeidlich ist

Spätestens nach dem ersten Videoprojekt wurde für mich deutlich, wie wichtig eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Wirkmacht ist. Bündnisse entstehen oft aus einer hohen moralischen Motivation heraus – und genau darin liegt ihre Stärke. Gleichzeitig liegt hier auch eine Gefahr.

Wenn Menschen mit der Erwartung starten, gesellschaftliche Großwetterlagen kurzfristig verändern zu können, sind Enttäuschungen fast programmiert. Bündnisse sind keine Instrumente zur schnellen Korrektur politischer Mehrheiten. Sie sind auch keine Orte, an denen sich bereits gefestigte Radikalisierungen einfach „auflösen“ lassen. Wer das erwartet, läuft Gefahr, sowohl das Bündnis als auch sich selbst zu überfordern.

Wirkmacht entsteht dort, wo Ziele realistisch, begrenzt und überprüfbar sind.

Das klingt nüchtern, ist aber zentral. Bündnisse wirken nicht primär durch Konversion, sondern durch Stabilisierung. Sie halten Räume offen, in denen demokratische Haltungen sichtbar, erlebbar und anschlussfähig bleiben. Gerade in Phasen, in denen sich viele Menschen ohnmächtig fühlen, ist das kein kleiner Beitrag.

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf Erfolg. Erfolg zeigt sich dann nicht nur in Reichweiten oder medialer Aufmerksamkeit, sondern in Kontinuität. In Menschen, die bleiben. In Beziehungen, die tragen. Und in Momenten, in denen Engagement nicht abbricht, sondern sich neu formiert.

Das erste Videoprojekt hat genau das geleistet. Und es hat zugleich den Boden bereitet für eine nächste Frage: Wenn Begegnung wirkt – wie können wir sie so gestalten, dass sie nicht nur emotional berührt, sondern auch reflektiert weitergegeben werden kann?


Wie Begegnung Wirkung entfaltet – wenn man sie bewusst gestaltet

Das zweite Videoprojekt war deshalb von Anfang an eine Herzensangelegenheit. Nicht nur, weil wir ein ähnliches Format bereits vor Jahren erfolgreich umgesetzt hatten, sondern weil es genau an diese Erfahrungen anknüpfen konnte. Damals hatten wir mit dem Jugendgemeinderat in Sindelfingen mit einem Video des dänischen Senders All That We Share gearbeitet. Die Idee war simpel – und wirkungsvoll: Menschen werden nicht über Unterschiede getrennt, sondern über geteilte Erfahrungen verbunden.

Der Jugendgemeinderat hatte dieses Experiment später selbst aufgegriffen und im Rahmen von Demokratie leben mit Jugendlichen umgesetzt. Die Wirkung war bemerkenswert. Nicht, weil plötzlich alle gleich dachten, sondern weil sichtbar wurde, wie viel Gemeinsames oft hinter vordergründigen Zuschreibungen liegt.


Die Idee für das neue Projekt lag also nahe: Warum dieses Format nicht noch einmal aufgreifen – aber diesmal mit der gesamten Stadtgesellschaft? Mit dem Bündnis als Ausgangspunkt, aber ohne es als Filter zu setzen. Nicht als pädagogische Übung, sondern als Einladung.

Der entscheidende Unterschied lag jedoch in der Konzeption. Dieses Mal sollte es nicht beim Video bleiben. Parallel zur Umsetzung wurde von Beginn an mitgedacht, wie die Erfahrungen systematisch gesichert werden können. Das Ergebnis ist das, was wir intern als „Kochbuch“ bezeichnen: eine Anleitung, die nicht das Ergebnis reproduziert, sondern den Weg dorthin nachvollziehbar macht.

Das Video ist das Gericht – das Kochbuch das demokratische Handwerkszeug.

Es hält fest, was gut funktioniert hat, wo Stolpersteine lagen, welche Fragen früh geklärt werden sollten und wo Flexibilität entscheidend ist. Ziel ist nicht Standardisierung, sondern Übertragbarkeit. Das Projekt soll anderen helfen, ähnliche Formate in ihren Kontexten umzusetzen – in Schulen, Kommunen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Inhaltlich eignet sich das Video hervorragend zur Thematisierung von Vielfalt, Gleichwertigkeit und demokratischer Resilienz. Es wirkt proaktiv. Es zeigt, dass Unterschiedlichkeit kein Widerspruch zu Zusammenhalt ist. Und es setzt genau dort an, wo viele Debatten heute scheitern: bei der Erfahrungsebene, nicht bei der Belehrung.

Warum Evaluation mehr ist als Rechtfertigung

Von Beginn an war klar, dass dieses Projekt nicht nur wirken, sondern auch verstanden werden soll. Deshalb haben wir es parallel begleitet und eine Evaluation integriert. Nicht, um uns selbst zu bestätigen, sondern um Annahmen zu prüfen. Gerade in der Demokratiearbeit neigen wir dazu, Wirkung zu vermuten, wo wir eigentlich nur Hoffnung spüren.

Die Rückmeldungen zeigen sehr deutlich, warum sich dieser Aufwand lohnt. Zum einen, weil Evaluation hilft, Aussagen zu erden. Sie macht aus Eindrücken Argumente – vorsichtig, aber belastbar. Zum anderen, weil genau das eingetreten ist, was unsere Ausgangshypothese war: Wir haben Menschen erreicht, die bislang keine Berührungspunkte mit klassischen Vielfalt- oder Demokratieprojekten hatten.

Das ist kein kleiner Befund. Wir haben keine extremistischen Milieus erreicht – das war auch nicht das Ziel. Aber wir haben Menschen erreicht, die sich bislang nicht aktiv mit Fragen von Vielfalt, Zugehörigkeit und demokratischem Zusammenhalt beschäftigt haben. Und fast durch alle Rückmeldungen zieht sich eine gemeinsame Beobachtung: die Überraschung darüber, wie viele andere sich ebenfalls für eine offene, vielfältige und rechtsstaatliche Gesellschaft einsetzen.

Gerade im Kontext von Social Media und permanentem Doomscrolling geht diese Erfahrung oft verloren. Die digitale Öffentlichkeit vermittelt schnell den Eindruck, Engagement sei randständig und demokratische Haltungen defensiv. Das Projekt hat dem etwas entgegengesetzt – nicht argumentativ, sondern erfahrungsbasiert.

Hinzu kommt eine zweite Ebene der Rückmeldungen: Viele sehen konkrete Einsatzmöglichkeiten. In Schulen. In der Jugendarbeit. In anderen Städten. Genau hier schließt sich der Kreis zum Kochbuch. Die Evaluation bestätigt nicht nur die emotionale Wirkung des Videos, sondern auch dessen praktisches Transferpotenzial.

Was bleibt – und was jetzt weitergegeben wird

In dieser Woche steht zunächst die Vorpremiere für die Teilnehmenden an. Ein geschützter Raum, um gemeinsam zurückzublicken, Ergebnisse zu teilen und offen über Erfahrungen zu sprechen. Am Sonntag folgt dann die öffentliche Premiere im Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt Sindelfingen. Danach werden weitere Rückmeldungen kommen, neue Perspektiven, vielleicht auch kritische Anmerkungen. Und genau das ist gewollt.

Parallel dazu stellen wir das Kochbuch und die begleitenden Materialien auf unserer neuen E-Learning-Plattform zur Verfügung. Seit Anfang Januar ist sie online und wächst Schritt für Schritt: mit aufgezeichneten Vorträgen, kurzen Erklärvideos, Workshop-Anleitungen und Formaten aus der politischen Bildung. Die Plattform versteht sich nicht als Archiv, sondern als Arbeitsraum – für alle, die sich fragen, wie demokratische Bildungsarbeit jenseits von Appellen konkret umgesetzt werden kann. Auch hier finden sich die Links wie immer in den Kommentaren.

Was bleibt, ist keine einfache Erfolgsformel. Sondern die Erfahrung, dass Begegnung wirkt, wenn sie ernst gemeint ist. Dass Bündnisse tragfähig werden, wenn sie ihre Wirkmacht realistisch einschätzen. Und dass Projekte dann nachhaltig sind, wenn sie nicht nur ein Ergebnis produzieren, sondern Lernen ermöglichen – bei den Teilnehmenden ebenso wie bei den Organisator:innen.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus den letzten zwei Jahren: Demokratiearbeit ist selten spektakulär. Aber sie schafft Momente, in denen Menschen sich wieder als Teil eines Ganzen erleben. Und manchmal reicht genau das, um weiterzumachen.