Drei Wochen TikTok-Beobachtung
Von Katharina Huber
Nicht beiläufig, sondern bewusst – als ethnografischer Blick auf eine Plattform, die für viele längst mehr ist als ein Unterhaltungsmedium. TikTok tritt als eine Art ständiger Lebensbegleiter auf: eine Instanz, die Orientierung anbietet und vorgibt, ob man schön oder hässlich ist, welche Frisur passt, wie ein Körper, ein Alltag, ein Leben auszusehen hat. Diese Zuschreibungen erfolgen selten explizit. Sie entstehen in der Wiederholung, im Vergleich, in der stillen Logik des Feeds. Menschen legen dort ihr gesamtes Privatleben offen, häufig auch das ihrer Kinder. Alles wird sichtbar. Alles wird bewertet. Alles wird verglichen.
Mit der Zeit stellt sich ein eigentümliches Gefühl ein – zumindest in meiner eigenen Wahrnehmung während der Beobachtung: das Leben scheint immer häufiger durch eine Kameralinse vermittelt zu sein und gleichzeitig überall stattzufinden. In fremden Küchen, Schlafzimmern, Beziehungen, Weltanschauungen. Nähe entsteht schnell, Distanz kaum. Der Feed reiht Intimitäten aneinander, ohne Übergang, ohne Einordnung, ohne Pause.
Zwischen harmlosen Alltagsvideos tauchen Inhalte auf, die extremistische oder menschenfeindliche Positionen transportieren. Auffällig ist dabei ihre Form: Sie erscheinen nicht nur als offene politische Botschaft, sondern auch als Witz, als Meme, als scheinbar gewöhnlicher Moment. Auch ich ertappe mich vereinzelt dabei, emotional zu reagieren – manchmal sogar zu schmunzeln –, obwohl mir die dahinterliegenden Ideologien bewusst sind. Diese Wirkung verweist weniger auf Zustimmung als auf Inszenierung. Die Inhalte sind anschlussfähig, emotional aufgeladen, präzise platziert. Wer sich länger in einer solchen Umgebung aufhält, bekommt eine Welt präsentiert, die in sich schlüssig wirkt – wahr, logisch, scheinbar alternativlos.
Irritierend ist dabei eine weitere Beobachtung: Minderjährigen scheint wenig bis gar keine klassische Werbung ausgespielt zu werden – ein Algorithmus, der auf den ersten Blick schützend wirkt. Gleichzeitig werden extremistische Inhalte, Gewaltaufrufe oder Einladungen in private Gruppen nicht herausgefiltert. Sie bleiben sichtbar, eingebettet in Alltagscontent, öffentlich und kaum markiert. Welche Dynamiken sich in den angedeuteten privaten Räumen entfalten, bleibt offen.
Viele der beobachteten Videos enthalten durchaus einen wahren Kern, manchmal mehr als nur einen. Gleichzeitig werden diese Fragmente häufig mit Desinformation, Vereinfachungen oder manipulativen Zuspitzungen verbunden. Kameraführung, Musik und Schnitt sind gezielt darauf ausgerichtet, Emotionen hervorzurufen – oft bevor reflexive Einordnung möglich ist. Das Gefühl geht dem Denken voraus.
Beginne ich den Tag mit solchen Inhalten und lasse sie unreflektiert stehen, bleibt bei mir ein Zustand zurück, der schwer greifbar ist. Der Eindruck, dass alles gleichzeitig eskaliert und kaum noch einzuordnen ist, stellt sich schnell ein. Umso deutlicher wird mir, wie leicht man sich von dieser Logik einfangen lassen kann.
Gleichzeitig bin ich in der Lage, das Smartphone nach der geplanten Beobachtungszeit bewusst wegzulegen und in einen nicht algorithmisch kuratierten Raum zurückzukehren. Bereits nach drei Wochen erweist sich die ethnografische Annäherung als deutlich anspruchsvoller als erwartet. Neben Watchtime und Dokumentation braucht es Zeit für Selbstfürsorge, für Reflexion und für einen kontinuierlichen Realitätsabgleich außerhalb des Feeds.
Die Beobachtung ist noch nicht abgeschlossen – der Feed läuft weiter…
Das Projekt ATLAS beobachtet und analysiert digitale Lebenswelten Jugendlicher und bereitet diese Erkenntnisse für die Fachpraxis auf. Ziel ist es, die Dynamiken dieser digitalen Räume besser zu verstehen und daraus Wege abzuleiten, wie reale Teilhabe, Beziehungen und Unterstützungsangebote für junge Menschen gestärkt werden können.
Das Projekt wird umgesetzt von der LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e.V. und wird finanziert durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration aus Landesmitteln, die der Landtag Baden-Württemberg beschlossen hat.