Terrorgram-Studie: Warum Prävention und Jugendsozialarbeit jetzt nicht kaputtgespart werden dürfen
Die jüngst veröffentlichte kriminologische Studie zur sogenannten „Terrorgram“-Szene zeigt eine Entwicklung, die in der Praxis der Radikalisierungsprävention seit längerem sichtbar ist: Radikalisierungsprozesse können heute sehr schnell verlaufen, sie entstehen häufig in digitalen Räumen – und betreffen in Teilen auffallend junge Menschen.
Gerade deshalb ist jetzt entscheidend, welche Schlüsse Politik, Verwaltung und Fachpraxis aus dieser Lage ziehen.
Prävention wirkt dort, wo Beziehungen tragen
Wenn Radikalisierung online stattfindet, heißt das nicht, dass Prävention „nur digital“ gedacht werden muss. Im Gegenteil: Viele Risikodynamiken hängen mit Belastungen zusammen, die im Alltag junger Menschen sichtbar werden – in Schule, Familie, Peergroups und im Sozialraum.
Genau hier setzt Jugendsozialarbeit an: Dort, wo Vertrauen entstehen kann, wo Krisen früh auffallen und wo niedrigschwellige Unterstützung greift, bevor sich Probleme verhärten oder eskalieren.
Schulsozialarbeit, Jugendhilfe und Mobile Jugendarbeit/Streetwork sind deshalb kein „freiwilliges Extra“, sondern ein zentraler Baustein wirksamer Präventionsketten.
Stabilität in den Strukturen ist keine Nebensache
Viele Kommunen stehen aktuell unter hohem finanziellem Druck und müssen Prioritäten setzen. Aus fachlicher Sicht ist dabei zentral: Prävention braucht Verlässlichkeit. Denn Präventionsketten funktionieren nur, wenn Ansprechpersonen erreichbar bleiben, Beziehungen wachsen können und Kooperationen kontinuierlich getragen werden.
Wenn Strukturen instabil werden, entstehen Lücken – nicht unbedingt sofort sichtbar, aber langfristig wirksam: Belastungen werden später erkannt, Hilfen greifen verzögert, Krisen verhärten sich. Prävention ist dann nicht weniger wichtig, sondern im Gegenteil umso dringlicher.
Unsere Einordnung: Präventionsketten stärken, Regelstrukturen sichern
Als Fachstelle Extremismusdistanzierung Baden-Württemberg (FEXBW) und als Teil der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. (LAGMJA) haben wir unsere Einschätzung in einer Pressemitteilung gebündelt.
Im Kern geht es um drei Punkte, die aus unserer Sicht unverzichtbar sind:
- Jugendsozialarbeit und Präventionsangebote verlässlich absichern – insbesondere Schulsozialarbeit, Jugendhilfe sowie Mobile Jugendarbeit/Streetwork.
- Kooperation und Zuständigkeiten in Präventionsketten stärken, damit Warnzeichen früh erkannt und passende Unterstützungswege schnell aktiviert werden können.
- Jugendhilfeplanung, Kinderschutz und psychosoziale Unterstützung als Regelstrukturen konsequent priorisieren, damit Prävention nicht vom Zufall einzelner Projekte oder kurzfristigen Entscheidungen abhängt.
Hintergrundgespräche und Vermittlung in Netzwerke
Wir stehen Medien, Kommunen und Fachgremien für Hintergrundgespräche und fachliche Einordnungen zur Verfügung. Bei spezifischen Fragen – etwa zur Ausgestaltung und Wirkung von Schulsozialarbeit oder anderen Handlungsfeldern der Jugendsozialarbeit – vermitteln wir auf Wunsch auch in weitere fachlich einschlägige Netzwerke.
Denn klar ist: Die Herausforderungen, die die Studie beschreibt, lassen sich nur bearbeiten, wenn Prävention als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird – verlässlich, vernetzt und langfristig abgesichert.