Ideologische Fragmente: Warum Radikalisierung in digitalen Räumen früher beginnt

O tempora, o resonantiae!

Neulich blieb ich bei einem kurzen Video hängen. Drei Stäbe, drei Kugeln, ein einfacher Versuchsaufbau. Ein Mensch rüttelt in unterschiedlichen Rhythmen daran. Erst passiert wenig. Dann beginnt eine der Kugeln sichtbar mitzuschwingen. Nicht alle gleichzeitig, nicht zufällig, nicht aus einer allgemeinen Schwäche heraus. Sondern weil der Impuls zu einem bestimmten System passt.

Als physikalisches Experiment erklärt das Resonanz. Als Bild ist es noch interessanter. Es zeigt etwas, das sich in gesellschaftlichen Debatten oft schwerer greifen lässt: Nicht jeder Impuls bringt alles gleichermaßen in Bewegung. Manche Botschaften rauschen vorbei. Andere bleiben hängen. Manche Sätze wirken wie Lärm. Andere werden zu einem Deutungsangebot. Und manchmal reicht ein Meme, ein Verdacht, ein Bild oder ein Satz, damit etwas in Bewegung gerät, das vorher vielleicht schon vorhanden war, aber noch keine Sprache hatte.

Natürlich funktionieren Menschen nicht wie Stäbe mit Kugeln. Niemand radikalisiert sich, weil ein äußerer Reiz auf eine innere Frequenz trifft und dann zwangsläufig alles seinen Lauf nimmt. So einfach sind Biografien nicht, so einfach sind soziale Räume nicht, und so einfach sind Ideologien nicht. Aber gerade deshalb ist das Video als Denkbild hilfreich. Es zwingt dazu, nicht nur auf den Impuls zu schauen, sondern auf das Verhältnis zwischen Angebot, Situation und Resonanzkörper.

O tempora, o resonantiae. Was für Zeiten, was für Resonanzen.

Unsere Gegenwart ist nicht nur durch mehr Information geprägt. Sie ist durch mehr verfügbare Anknüpfungspunkte geprägt. Extremistische, verschwörungsideologische oder menschenfeindliche Deutungen treten nicht immer als vollständig ausgearbeitete Weltanschauung auf. Sie erscheinen oft als Fragment. Als Witz. Als Andeutung. Als geteiltes Misstrauen. Als angeblich harmlose Provokation. Als ästhetischer Code. Als Gewaltfantasie. Als Satz, bei dem jemand sagt: „Da ist schon etwas dran.“

Diese Fragmente sind nicht neu. Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, autoritäre Ordnungsvorstellungen, LSBTIQ-Feindlichkeit, Antifeminismus, Verschwörungserzählungen und Gewaltverherrlichung haben lange Geschichten. Neu ist eher, wie verfügbar, kombinierbar und anschlussfähig sie in digitalen Räumen geworden sind. Sie liegen nicht mehr nur in geschlossenen Szenen, Programmen oder Schulungsunterlagen. Sie zirkulieren in Feeds, Kommentarspalten, Chatgruppen, Videoclips, Gaming-Räumen und Bildwelten. Manchmal offen ideologisch. Manchmal ironisch gebrochen. Manchmal so beiläufig, dass gerade diese Beiläufigkeit Teil ihrer Wirkung ist.

Gute Bilder helfen, solche Dynamiken besprechbar zu machen. Eine Metapher erklärt nicht alles. Aber sie öffnet einen Zugang. Die Rede von der „Salatbarideologie“ ist so ein Bild. Sie ist stark, weil sie eine Beobachtung auf den Punkt bringt, die in der Fachwelt längst eine Rolle spielt, politisch und öffentlich aber noch nicht immer ausreichend verstanden wird: Radikalisierung zeigt sich nicht immer als Übernahme eines vollständig geschlossenen Weltbildes. Menschen müssen nicht bis ins Letzte rechtsextrem, islamistisch, verschwörungsideologisch oder nihilistisch argumentieren, damit einzelne Fragmente dieser Ideologien wirksam werden.

Gerade darin liegt ein Teil der gegenwärtigen Herausforderung. Rechtsextremismus wirkt nicht nur dort, wo Menschen ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild vertreten. Er reicht weiter, wenn einzelne seiner Bestandteile anschlussfähig werden: Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, autoritäre Ordnungsvorstellungen, LSBTIQ-Feindlichkeit, Gewaltfantasien, Institutionenverachtung oder die Vorstellung, demokratische Aushandlung sei bloß Schwäche. Diese Fragmente können zirkulieren, ohne immer sofort als Teil eines größeren ideologischen Zusammenhangs erkannt zu werden.

Das macht sie nicht harmloser. Im Gegenteil. Wenn einzelne Abwertungsideologien unabhängig von einem geschlossenen Weltbild normalisiert werden, verschieben sie den Rahmen dessen, was sagbar, denkbar und sozial akzeptiert erscheint. Nicht jeder, der ein sexistisches Meme teilt, hat deshalb ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Nicht jede Person, die verschwörungsideologische Andeutungen übernimmt, ist bereits Teil einer organisierten Szene. Aber genau diese Zwischenräume sind politisch und präventiv relevant. Dort entstehen Gewöhnung, Zugehörigkeit, Wiederholung und manchmal auch Wege in deutlich verfestigtere Formen der Radikalisierung.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem das Resonanzbild weiterhilft. Die Salatbar zeigt, dass sich etwas mischt. Resonanz fragt, warum bestimmte Bestandteile überhaupt plausibel werden. Warum bleibt gerade dieses Fragment hängen? Warum fühlt sich gerade diese Abwertung in einer Gruppe stimmig an? Warum wird ein Verdacht zur gemeinsamen Sprache? Warum beginnt etwas mitzuschwingen, bevor daraus ein festes Weltbild geworden ist?

Die Zeit der Fragmente

Vielleicht ist es kein Zufall, dass in den letzten Jahren Begriffe an Bedeutung gewonnen haben, die nicht mehr von geschlossenen Ideologien ausgehen, sondern von Mischungen, Versatzstücken und instabilen Verbindungen. „Salatbarideologie“ ist einer dieser Begriffe. „Nihilistischer Extremismus“ ein anderer. Beide beschreiben Unterschiedliches, aber sie verweisen auf eine ähnliche Irritation: Was wir beobachten, passt nicht immer sauber in die Schubladen, mit denen wir Extremismus lange sortiert haben.

Das heißt nicht, dass die klassischen Phänomene verschwunden wären. Rechtsextremismus bleibt Rechtsextremismus. Islamismus bleibt Islamismus. Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus oder Verschwörungsideologien verlieren nicht ihre Geschichte, nur weil sie in neuen digitalen Formen auftreten. Im Gegenteil: Gerade weil diese Ideologien lange Traditionslinien haben, wirken ihre Bestandteile oft auch dort, wo das vollständige Weltbild gar nicht ausgesprochen wird. Ein Code reicht. Eine Andeutung. Ein Bild. Ein scheinbar beiläufiger Satz.

Die Gegenwart macht diese Fragmente leichter verfügbar. Wer sucht, findet nicht nur Programme, Manifeste oder Organisationen. Er oder sie findet Clips, Memes, Foren, Kommentarspalten, Telegram-Kanäle, Influencer, Gaming-Communities, Täterverehrung, Männlichkeitsversprechen, Krisendeutungen und politische Halbsätze. Vieles davon kommt nicht mit dem Schild „Ideologie“ daher. Es erscheint als Humor, Tabubruch, Insiderwissen, Rebellion, Sorge, Ironie oder vermeintlich gesunder Menschenverstand.

Gerade das macht die Sache kompliziert. Ein Fragment muss nicht als Ideologie erkannt werden, um ideologisch zu wirken. Ein antisemitisches Motiv kann als Finanzkritik erscheinen. Eine rassistische Erzählung als Sorge um Sicherheit. Antifeminismus als Verteidigung von Normalität. LSBTIQ-Feindlichkeit als Schutz von Kindern. Autoritäres Denken als Wunsch nach Ordnung. Verschwörungsdenken als kritisches Fragen. Die Verpackung wechselt, der Kern bleibt nicht selten erstaunlich alt.

Für Prävention ist dieser Bereich entscheidend. Denn Normalisierung beginnt nicht erst dort, wo jemand ein Manifest schreibt. Sie beginnt früher. Dort, wo Abwertung als Witz durchgeht. Wo Misstrauen als Klugheit gilt. Wo Gewaltfantasien als edgy Humor erscheinen. Wo demokratische Institutionen nur noch als Fassade beschrieben werden. Wo Menschenfeindlichkeit in kleinen Dosen zirkuliert und dadurch ihren Schrecken verliert.

Das ist die Zeit der Fragmente. Nicht, weil es keine geschlossenen Ideologien mehr gäbe. Sondern weil ihre Bestandteile heute weiter reichen, schneller wandern und häufiger in Räumen auftauchen, die sich selbst gar nicht als ideologisch verstehen. Wer diese Dynamik verstehen will, muss genauer hinschauen: nicht nur auf Organisationen und Bekenntnisse, sondern auf Übergänge, Mischungen, Anschlussstellen und die vielen kleinen Momente, in denen aus einem einzelnen Fragment eine plausibel wirkende Deutung werden kann.

Warum phänomenübergreifendes Denken plausibler wird

Aus dieser Fragmentierung folgt kein Abschied vom Phänomenwissen. Wer Rechtsextremismus, Islamismus, Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus oder verschwörungsideologische Milieus verstehen will, braucht Kenntnis ihrer Geschichten, Codes, Feindbilder und Gewalttraditionen. Ohne diese Genauigkeit wird Prävention unscharf. Aber Phänomenwissen allein reicht nicht aus, wenn Menschen ideologische Fragmente aufnehmen, bevor sie sich selbst einem geschlossenen Weltbild zuordnen.

Das zeigt sich besonders dort, wo die Oberfläche zunächst gar nicht extremistisch wirkt. Ein Fitness- oder Lifestyle-Kanal kann mit Körperdisziplin, Männlichkeitsbildern und Selbstoptimierung beginnen und schrittweise in antifeministische, sexistische oder autoritäre Deutungen kippen. Nicht jede harte Trainingsrhetorik ist politisch. Aber manche Erzählungen von Stärke, Verachtung, „natürlicher Ordnung“ und angeblicher Verweichlichung schließen erstaunlich gut an rechte, misogyne oder demokratiefeindliche Motive an. Wer nur nach eindeutigen Symbolen sucht, sieht diese Übergänge zu spät.

Ähnlich schwierig wird es in Milieus, in denen nationalistische, religiöse und antisemitische Bezüge ineinandergreifen. Im türkischen Ultranationalismus etwa können autoritäre Staatsvorstellungen, ethnonationalistische Identität, Feindbilder gegen Kurd:innen, Armenier:innen oder Jüdinnen:Juden, religiöse Zugehörigkeitsmotive und islamistische Narrative nebeneinander auftreten, ohne dass jeder Fall sauber in eine einzige Schublade passt. Für die Analyse ist dann nicht nur entscheidend, welchem Phänomen man den Fall zuordnet, sondern welche Fragmente gerade welche Funktion erfüllen: Zugehörigkeit, Abwertung, Legitimation, Mobilisierung oder Feindmarkierung.

Noch deutlicher wird es bei gewaltaffinen Online-Räumen. Dort kann jemand zunächst über persönliche Kränkung, Einsamkeit, Stalking, sexuelle Frustration oder Frauenhass in bestimmte Foren geraten und dort auf rassistische, antisemitische oder rechtsextreme Deutungen stoßen. Was beginnt als persönliche Fixierung? Was ist digitale Vergemeinschaftung? Was ist misogynes Weltbild? Was ist rechtsextreme Anschlussideologie? Was ist konkrete Gefährdung? In der Praxis sind diese Fragen nicht immer sauber nacheinander zu beantworten. Sie liegen gleichzeitig auf dem Tisch.

Genau hier geraten auch institutionelle Zuständigkeiten an Grenzen. Sicherheitsbehörden, Jugendhilfe, Schule, Beratungsstellen, zivilgesellschaftliche Prävention und psychosoziale Unterstützung arbeiten oft mit unterschiedlichen Kategorien. Das ist nachvollziehbar und notwendig. Aber Radikalisierungsprozesse halten sich nicht immer an diese Zuständigkeitslogiken. Ein Fall kann als Mobbing beginnen, als Online-Konflikt weiterlaufen, in antifeministische Foren führen, rassistische Erzählungen aufnehmen und irgendwann sicherheitsrelevant werden. Wer dann nur fragt, welche Stelle formal zuständig ist, verliert wichtige Zeit.

Eine kleine förderpolitische Randnotiz drängt sich an dieser Stelle auf. Wenn Radikalisierungsprozesse fragmentierter, hybrider und sozial verschränkter verlaufen, wirkt es umso merkwürdiger, Prävention immer wieder in kurzlaufende Projekte zu zerlegen, die im Zweijahresrhythmus auf einen einzelnen Phänomenbereich gemünzt werden, jeweils mit eigenem Zugriff, eigener Sprache und eigener Modelllogik. Solche Projekte können wichtige Impulse setzen. Aber ohne Einbettung in tragfähige Strukturen entsteht leicht genau das, was fachlich eigentlich überwunden werden müsste: nebeneinanderliegende Spezialzuständigkeiten für Prozesse, die sich in der Praxis längst überlappen.

Phänomenübergreifendes und phänomenunspezifisches Denken bedeutet deshalb nicht, Unterschiede einzuebnen. Es bedeutet, genauer nach den wirksamen Bausteinen zu fragen. Welche Abwertung wird normalisiert? Welches Feindbild wird angeboten? Welche Gruppe stiftet Zugehörigkeit? Welche Kränkung bekommt eine politische Richtung? Welche Gewalt wird denkbar gemacht? Diese Fragen ersetzen die phänomenspezifische Analyse nicht. Sie verhindern aber, dass wir erst dann reagieren, wenn aus vielen kleinen Fragmenten bereits ein verfestigtes Weltbild geworden ist.

Für Prävention liegt darin ein entscheidender Gewinn. Sie kann früher ansetzen: bei Alltagsabwertung, bei Misstrauen, bei Zugehörigkeitsversprechen, bei Gewaltfantasien, bei Männlichkeitsbildern, bei digitaler Vergemeinschaftung. Nicht jeder dieser Punkte ist schon Radikalisierung. Aber jeder kann eine Anschlussstelle sein. Und genau diese Anschlussstellen zu verstehen, ist oft der Unterschied zwischen bloßer Kategorisierung und tatsächlichem Fallverstehen.

Salatbar, Lego, Bausteine: die Stärke guter Bilder

Gute Metaphern sind in der politischen Bildung kein Schmuck. Sie sind Werkzeuge. Man kann mit ihnen etwas aufschließen, das sonst abstrakt bleibt. Manchmal reicht ein Bild, damit eine Gruppe versteht, worüber man vorher zehn Minuten gesprochen hat. Ein gutes Bild ersetzt keine Analyse, aber es kann Analyse ermöglichen. Es gibt einem Gedanken eine Form.

Deshalb lohnt es sich, Bilder wie die „Salatbarideologie“ ernst zu nehmen. Der Begriff ist so eingängig, weil er sofort etwas sichtbar macht: Menschen übernehmen ideologische Versatzstücke nicht immer als geschlossenes Paket. Sie greifen auf Fragmente zurück, kombinieren sie, lassen anderes liegen, mischen Widersprüchliches und bauen daraus etwas, das subjektiv trotzdem Sinn ergibt. Auf dem Teller liegt dann vielleicht Antifeminismus neben Verschwörungsglauben, autoritäre Sehnsucht neben Rassismus, antisemitische Chiffre neben nihilistischer Gewaltästhetik. Nicht alles passt logisch zusammen. Aber es passt in einem bestimmten Moment zu einer Stimmung, einer Gruppe oder einer Erzählung.

Ähnlich stark ist das Bild vom „Lego-Islam“, das Michael Kiefer im Blick auf salafistische und islamistische Radikalisierungsprozesse verwendet hat. Auch hier geht es nicht um eine gewachsene, gelehrte oder theologisch konsistente Aneignung religiöser Tradition. Es geht um Bausteine. Einzelne Verse, einzelne Begriffe, einzelne Autoritäten, einzelne Erzählungen werden herausgelöst, neu zusammengesetzt und so verbunden, dass sie für die jeweilige Person plausibel wirken. Am Ende entsteht ein Gebilde, das sich für die Person geschlossen anfühlen kann, obwohl es aus selektiv zusammengesuchten Teilen besteht.

Beide Bilder zeigen etwas Wichtiges. Sie lösen den Blick von der Vorstellung, Radikalisierung verlaufe immer entlang sauberer Linien. Sie machen sensibler für Halbheiten, Übergänge und Widersprüche. Für Menschen, die sich selbst vielleicht nicht als extremistisch verstehen, aber längst mit Fragmenten arbeiten, die aus extremistischen oder menschenfeindlichen Deutungsräumen stammen.

Man sollte gute Bilder also nicht zu früh verwerfen. Die Salatbar erklärt etwas. Lego erklärt etwas. Beide machen sichtbar, dass ideologische Aneignung oft fragmentiert, selektiv und subjektiv passend erfolgt. Aber gerade weil gute Bilder so stark sind, lohnt es sich, mit ihnen weiterzugehen. Die Salatbar zeigt, dass etwas zusammengestellt wird. Lego zeigt, dass etwas gebaut wird. Beide Bilder sagen aber noch wenig darüber, warum genau diese Zutaten genommen oder genau diese Steine verbaut werden.

Was macht bestimmte Fragmente attraktiv? Warum fühlen sie sich plausibel an? Warum werden sie in einer Gruppe verteidigt, obwohl sie widersprüchlich bleiben? An dieser Stelle beginnt die eigentliche Suchbewegung dieses Textes. Nicht gegen die Bilder, sondern mit ihnen. Salatbar und Lego helfen, die Mischung zu sehen. Resonanz kann helfen zu verstehen, warum etwas aus dieser Mischung Bedeutung gewinnt.

Resonanz als anderes Bild

Vielleicht hilft an dieser Stelle der Blick zurück auf das Video mit den drei Stäben und den Kugeln. Nicht, weil Menschen wie physikalische Versuchsanordnungen funktionieren. Sondern weil das Bild eine andere Frage nahelegt. Es fragt nicht zuerst, was jemand auswählt. Es fragt, warum etwas zu schwingen beginnt.

Das ist ein Unterschied. Die Salatbar zeigt die Mischung. Lego zeigt den Aufbau. Resonanz fragt nach Anschlussfähigkeit. Warum bleibt ausgerechnet dieses Fragment hängen? Warum wirkt ein bestimmter Satz nicht wie irgendeine Meinung, sondern wie eine Erklärung? Warum fühlt sich ein Feindbild entlastend an? Warum wird ein abwertender Witz in einer Gruppe nicht als Grenzüberschreitung gelesen, sondern als Beweis von Mut, Zugehörigkeit oder Klarheit?

Solche Fragen führen näher an die Lebensrealität heran. Ein antisemitisches Motiv kann dort resonieren, wo abstrakte Krisen personalisiert werden sollen. Eine rassistische Erzählung kann dort anschließen, wo Statusverlust, Konkurrenz oder Kontrollverlust gedeutet werden müssen. Antifeministische Inhalte können dort verfangen, wo Männlichkeit als gekränkt, bedroht oder entwertet erlebt wird. Verschwörungserzählungen können dort plausibel werden, wo Misstrauen längst vorhanden ist und nur noch eine Sprache sucht.

Das bedeutet nicht, dass diese Erfahrungen zwangsläufig in Ideologie führen. Kränkung macht niemanden automatisch extremistisch. Einsamkeit produziert nicht automatisch Gewalt. Misstrauen ist nicht per se verschwörungsideologisch. Aber ideologische Fragmente können solche Erfahrungen aufgreifen, sortieren und politisch aufladen. Sie bieten Deutung, Zugehörigkeit und manchmal auch Entlastung. Gerade deshalb sind sie wirksam.

Resonanz ist dabei kein harmloser Begriff. Sie klingt zunächst fast freundlich, als ginge es um Beziehung, Antwort, vielleicht sogar um Verständnis. In der Prävention muss man hier genau bleiben. Etwas kann resonieren und trotzdem zerstörerisch sein. Eine menschenfeindliche Erzählung kann sich stimmig anfühlen. Ein Feindbild kann emotional entlasten. Eine Gewaltfantasie kann für einen Moment Selbstwirksamkeit versprechen. Dass etwas resoniert, sagt noch nichts darüber, ob es wahr, demokratisch oder menschenwürdig ist.

Vielleicht liegt hier auch die notwendige Abgrenzung zu Hartmut Rosas Resonanzbegriff. Rosa beschreibt Resonanz als eine Form gelingender Weltbeziehung: berührt werden, antworten können, sich verwandeln lassen, ohne die Welt vollständig verfügbar zu machen. Was in extremistischen oder verschwörungsideologischen Kontexten geschieht, sieht anders aus. Es wirkt manchmal wie Resonanz, weil Menschen sich gesehen, verstanden oder angesprochen fühlen. Aber oft verengt es die Weltbeziehung. Aus Antwort wird Echo. Aus Deutung wird Feindbindung. Aus Zugehörigkeit wird Abgrenzung.

Gerade deshalb ist das Bild nützlich. Es erlaubt, Wirkung zu verstehen, ohne sie zu entschuldigen. Wer fragt, warum etwas resoniert, erklärt nicht weg, was daran gefährlich ist. Er oder sie schaut genauer hin. Welche Erfahrung wird berührt? Welcher Affekt wird angesprochen? Welche Gruppe bestätigt das Mitschwingen? Welche Erzählung gibt dem Ganzen Richtung? Und an welchem Punkt wird aus einem einzelnen Fragment ein stabilerer Blick auf die Welt?

Für Prävention ist diese Verschiebung entscheidend. Wenn wir nur auf fertige Weltbilder schauen, reagieren wir spät. Wenn wir auf Resonanzbedingungen achten, können wir früher verstehen, warum bestimmte Fragmente attraktiv werden. Dann geht es nicht nur darum, falsche Aussagen zu widerlegen. Es geht darum, die Bedingungen zu erkennen, unter denen falsche, abwertende oder gewaltlegitimierende Aussagen plausibel erscheinen.

Resonanz fragt also nicht: Was hat jemand aus der Salatbar genommen? Sie fragt: Warum hat gerade dieses Angebot geklungen? Warum wurde es behalten? Warum wurde es geteilt? Warum wurde es verteidigt? Und warum fiel es vielleicht leichter, diesem Fragment zu glauben als einer komplexeren, widersprüchlicheren, demokratischeren Erklärung?

Wenn die eigene Wahrheit selbst gebaut ist: der IKEA-Effekt

Nach der Resonanz kommt oft ein zweiter Schritt. Was einmal klingt, wird nicht nur gehört. Es wird weiterverarbeitet. Menschen suchen nach weiteren Hinweisen, speichern Videos, vergleichen Aussagen, lesen Kommentare, folgen Links, sprechen mit anderen, widersprechen Freunden, streiten mit der Familie, investieren Zeit. Aus einem ersten Moment der Plausibilität kann so eine eigene Suchbewegung werden.

An dieser Stelle hilft ein Begriff, der während der Pandemie immer wieder zur Erklärung verschwörungsideologischer Verfestigungen herangezogen wurde: der IKEA-Effekt. Gemeint ist die Beobachtung, dass Menschen Dinge höher bewerten, wenn sie selbst Arbeit in deren Herstellung investiert haben. Bei einem Möbelstück ist das meistens harmlos. Man mag den etwas schief montierten Schrank vielleicht mehr, weil man sich mit ihm abgemüht hat.

In verschwörungsideologischen Kontexten wird daraus ein ernsteres Problem. Wer sich eine Deutung aus Videos, Screenshots, Telegram-Posts, vermeintlichen Dokumenten, Zitaten und eigenen Schlussfolgerungen zusammengesucht hat, hat nicht einfach eine Meinung übernommen. Er oder sie hat daran gebaut. Mit Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal auch mit sozialen Kosten. Diese Deutung ist dann nicht nur ein Inhalt. Sie ist ein Stück eigener Arbeit.

Die selbst gebaute Wahrheit ist nicht wahrer. Aber sie gehört einem mehr. Vielleicht erklärt das mit, warum Gegeninformationen so häufig abprallen. Sie konkurrieren nicht nur mit einer falschen Behauptung. Sie konkurrieren mit der Beziehung, die jemand zu seiner eigenen Suchbewegung aufgebaut hat. Wer viel investiert hat, verliert nicht nur ein Argument, wenn sich eine Deutung als falsch erweist. Er verliert auch das Gefühl, auf der richtigen Spur gewesen zu sein.

Das gilt nicht nur für klassische Verschwörungserzählungen. Auch andere ideologische Fragmente können auf diese Weise gebunden werden. Wer sich lange in antifeministische Foren eingelesen hat, wer rassistische Deutungen immer wieder mit scheinbaren Zahlen unterlegt, wer antisemitische Chiffren entschlüsseln zu können glaubt oder wer sich durch Gewaltästhetiken, Tätergeschichten und Online-Subkulturen gearbeitet hat, sammelt nicht nur Material. Er oder sie baut an einer eigenen Ordnung der Welt.

Gerade digitale Räume begünstigen dieses Bauen. Sie liefern unendlich viele Bausteine und geben der Suchbewegung das Gefühl von Eigenständigkeit. Man hat „selbst recherchiert“. Man ist „nicht mehr naiv“. Man hat „Zusammenhänge erkannt“. Die Tatsache, dass viele dieser Zusammenhänge aus manipulierten, aus dem Kontext gerissenen oder ideologisch gefärbten Fragmenten bestehen, schwächt das Gefühl der eigenen Erkenntnis nicht automatisch. Manchmal stärkt es es sogar, weil Widerspruch als weiterer Hinweis gelesen wird, dass man etwas entdeckt hat, das verborgen bleiben soll.

Für Prävention ist das eine unbequeme Einsicht. Es reicht nicht, eine selbst gebaute Deutung einfach durch eine bessere Information ersetzen zu wollen. Natürlich braucht es Fakten, Korrektur und klare Grenzen. Aber wer nur von außen sagt, dass der Schrank schief steht, versteht noch nicht, warum jemand stolz auf ihn ist. Die eigentliche Arbeit beginnt dort, wo Menschen wieder einen Abstand zu dem gewinnen können, was sie selbst mit aufgebaut haben.

Das ist mühsam, weil es nicht nur um Wissen geht. Es geht um Selbstbild, Zugehörigkeit, investierte Zeit und die Frage, ob jemand sich eingestehen kann, auf etwas hereingefallen zu sein, ohne dabei vollständig das Gesicht zu verlieren. Genau deshalb braucht es in der Prävention Räume, in denen Korrektur nicht automatisch Beschämung bedeutet. Sonst wird aus jedem Widerspruch nur ein weiterer Grund, am selbst Gebauten festzuhalten.

Misstrauensgemeinschaften: Zugehörigkeit über gemeinsamen Verdacht

Was Menschen sich selbst zusammenbauen, bleibt selten privat. Gerade digitale Räume machen aus Suchbewegungen soziale Räume. Man findet nicht nur Material, sondern andere, die ähnlich suchen. Andere, die dieselben Fragen stellen, dieselben Zweifel teilen, dieselben Institutionen verdächtigen. Aus einer individuellen Irritation kann so ein gemeinsamer Verdacht werden.

Aladin El-Mafaalani hat dafür den Begriff der Misstrauensgemeinschaften geprägt. Er beschreibt damit Milieus, die nicht zuerst durch gemeinsame Herkunft, gemeinsame Erfahrung oder gemeinsame Expertise zusammengehalten werden, sondern durch geteiltes Misstrauen. Man vertraut denen, die ebenfalls misstrauen. Gegenüber Medien, Politik, Wissenschaft, Verwaltung, Justiz, Schule, Sicherheitsbehörden oder gleich dem ganzen „System“. Das Verbindende ist nicht unbedingt ein ausgearbeitetes Programm. Es ist die Gewissheit, dass den offiziellen Erklärungen nicht zu trauen sei.

Das ist für Radikalisierungsprozesse bedeutsam, weil Misstrauen eine starke soziale Qualität entwickeln kann. Es erzeugt Nähe. Wer denselben Verdacht teilt, erkennt sich wieder. Wer dieselben Begriffe benutzt, zeigt Zugehörigkeit. Wer dieselben Quellen ablehnt, wirkt wach, kritisch oder mutig. So entsteht eine Gemeinschaft, die ihre Bindung nicht aus gemeinsamem Wissen gewinnt, sondern aus gemeinsamem Zweifel an anderen.

Solche Gemeinschaften können sehr unterschiedliche Inhalte aufnehmen. Verschwörungserzählungen liegen nahe, weil sie Misstrauen in eine scheinbar geschlossene Erklärung übersetzen. Aber auch rechtsextreme, antisemitische, antifeministische oder autoritäre Fragmente finden hier Anschluss. Wenn demokratische Institutionen grundsätzlich als manipuliert gelten, wenn Medien nur noch als Propaganda erscheinen und Wissenschaft als gekauft beschrieben wird, wird der Raum für alternative Deutungen größer. Nicht unbedingt, weil sie besser begründet sind. Sondern weil alles andere bereits unter Verdacht steht.

Dabei ist wichtig: Misstrauen ist nicht per se problematisch. Demokratische Gesellschaften brauchen Kritik, Kontrolle, Widerspruch und Skepsis gegenüber Macht. Ohne Misstrauen gegenüber unkontrollierter Herrschaft gäbe es keine Gewaltenteilung, keinen investigativen Journalismus, keine kritische Öffentlichkeit. Gefährlich wird es dort, wo Misstrauen sich von prüfbarer Kritik löst und zu einer geschlossenen Haltung wird. Dann gilt nicht mehr: Ich prüfe, ob eine Institution glaubwürdig handelt. Dann gilt: Gerade weil eine Institution etwas sagt, muss es falsch sein.

In solchen Räumen verändert sich auch die Rolle von Fakten. Informationen werden nicht danach bewertet, ob sie belastbar sind, sondern danach, ob sie zum Grundverdacht passen. Widerspruch schwächt die Erzählung nicht unbedingt. Er kann sie sogar stärken. Wenn Medien etwas widerlegen, ist das für manche nicht das Ende einer Behauptung, sondern der Beweis, dass „sie“ etwas vertuschen wollen. Wenn Wissenschaft widerspricht, bestätigt das die Vorstellung, dass Wissenschaft Teil des Problems sei. So schließt sich der Kreis.

Für die Frage nach Resonanz ist das entscheidend. Ein einzelnes ideologisches Fragment klingt nicht nur in einer Person an. Es kann in einem sozialen Raum verstärkt werden. Dort wird es bestätigt, geschützt und gegen Kritik immunisiert. Aus einem Verdacht wird ein gemeinsamer Code. Aus einem Code wird Zugehörigkeit. Aus Zugehörigkeit wird Bindung. Und irgendwann ist der Ausstieg aus der Erzählung nicht mehr nur eine intellektuelle Korrektur, sondern ein sozialer Verlust.

Vielleicht liegt darin eine der größten Herausforderungen für Prävention. Sie muss nicht nur mit falschen Aussagen umgehen, sondern mit Räumen, in denen falsche Aussagen soziale Heimat bieten. Wer solche Räume verlassen soll, verliert nicht nur eine These. Er oder sie verliert Anerkennung, Orientierung, Sprache und manchmal die einzige Gemeinschaft, in der die eigene Wut, Angst oder Kränkung verstanden wurde.

Deshalb reicht es nicht, Misstrauensgemeinschaften von außen zu belächeln oder ihre Mitglieder pauschal als irrational abzuwerten. Das macht ihre Bindung oft nur stärker. Prävention muss klar widersprechen, wo Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Gewaltfantasien oder demokratiefeindliche Erzählungen normalisiert werden. Aber sie muss zugleich verstehen, welche Funktion diese Gemeinschaften erfüllen. Wer nur den Irrtum sieht, übersieht die Bindung. Wer nur die Bindung sieht, verharmlost den Irrtum. Genau zwischen diesen beiden Fehlern liegt die eigentliche Arbeit.

Der Feed als permanentes Rütteln

Wenn Resonanz nicht nur individuell entsteht, sondern sozial bestätigt wird, dann lohnt sich ein Blick auf die Räume, in denen diese Bestätigung heute besonders schnell geschieht. Der Feed ist dabei mehr als eine technische Oberfläche. Er ist ein Taktgeber. Er ordnet Aufmerksamkeit, wiederholt Reize, belohnt Zuspitzung und liefert immer neues Material für das, was bereits zu klingen begonnen hat.

Man muss dafür keine einfache Algorithmus-Erzählung bemühen. Nicht jede Person wird durch einen Feed radikalisiert. Nicht jeder problematische Inhalt ist Teil einer Strategie. Und nicht jede Wiederholung erzeugt automatisch Überzeugung. Aber digitale Räume verändern die Bedingungen, unter denen Fragmente sichtbar, teilbar und sozial bedeutsam werden. Sie rütteln nicht einmal. Sie rütteln fortlaufend.

Das geschieht oft unspektakulär. Ein Clip bleibt hängen, weil er wütend macht. Ein Meme, weil es in einer Gruppe funktioniert. Ein Kommentar, weil er ausspricht, was man selbst noch nicht formuliert hätte. Ein Video, weil es scheinbar erklärt, warum alles so kompliziert geworden ist. Der nächste Inhalt setzt darauf auf. Nicht immer in derselben Härte, nicht immer mit derselben Ideologie, aber häufig entlang ähnlicher Affekte: Empörung, Spott, Verachtung, Angst, Kränkung, Misstrauen.

So entsteht eine eigene Dynamik. Der Feed liefert nicht nur Informationen, sondern Stimmungen. Er zeigt nicht nur Inhalte, sondern soziale Reaktionen auf Inhalte. Man sieht, wer lacht, wer zustimmt, wer widerspricht, wer beschimpft wird und wer Applaus bekommt. Dadurch verändert sich, was als sagbar erscheint. Eine Grenzüberschreitung wirkt anders, wenn sie tausendfach geliked wird. Eine Abwertung wirkt weniger abwegig, wenn sie als Witz durchläuft. Ein Verdacht wirkt plausibler, wenn er ständig in neuen Varianten auftaucht.

Gerade darin liegt die Stärke fragmentierter Ideologien im digitalen Raum. Sie müssen nicht als vollständige Lehre auftreten. Sie können sich als Form verbreiten: als Sound, als Schnitt, als Geste, als Insidercode, als Bildsprache, als Reaktionsmuster. Wer sie teilt, muss nicht immer vollständig aussprechen, was dahintersteht. Manchmal reicht es, den Code zu verstehen. Oder ihn so oft zu sehen, dass er vertraut wird.

Diese Vertrautheit ist politisch nicht banal. Was vertraut wird, verliert an Fremdheit. Was ständig wiederkehrt, wirkt irgendwann weniger extrem. Was im Gewand von Humor, Ironie oder Provokation erscheint, kann leichter abgewehrt werden: War doch nur Spaß. War doch nur eine Frage. War doch nur ein Clip. Aber genau diese Uneindeutigkeit gehört zur Wirksamkeit. Sie erlaubt Nähe, ohne sofort Verantwortung zu verlangen.

Der Feed verstärkt dabei nicht nur das, was Menschen ohnehin glauben. Er kann auch testen, was anschlussfähig ist. Ein Inhalt erzeugt Reaktion, ein anderer nicht. Eine Formulierung wird geteilt, eine andere verschwindet. Ein Feindbild funktioniert, ein anderes bleibt randständig. So entstehen Resonanzschleifen, in denen Aufmerksamkeit selbst zum Auswahlkriterium wird. Nicht das Wahrere setzt sich durch, sondern oft das Reizvollere, Einfachere, Wütendere oder Gruppentauglichere.

Für Prävention ist das herausfordernd, weil sie nicht gegen einzelne Inhalte allein arbeitet. Sie arbeitet gegen Taktungen, Wiederholungen und soziale Belohnungen. Wer ein abwertendes Meme widerlegt, hat noch nicht den Raum verändert, in dem dieses Meme Anerkennung stiftet. Wer eine verschwörungsideologische Behauptung korrigiert, hat noch nicht die Schleife unterbrochen, in der Widerspruch als Bestätigung gelesen wird. Wer Gewaltfantasien problematisiert, hat noch nicht automatisch eine andere Form von Selbstwirksamkeit angeboten.

Vielleicht ist der Feed deshalb ein so passendes Gegenstück zum Resonanzexperiment. Dort rüttelt jemand an den Stäben, bis eine Kugel mitschwingt. Im digitalen Raum rüttelt niemand nur einmal. Es sind viele Impulse, viele Hände, viele Takte. Manche zufällig, manche strategisch, manche aus Geschäftsinteresse, manche aus Ideologie, manche aus Langeweile. Entscheidend ist nicht immer, wer den ersten Impuls setzt. Entscheidend ist, was durch Wiederholung, Bestätigung und Zugehörigkeit daraus wird.

Prävention als Arbeit an Resonanzbedingungen

Wenn man Radikalisierung so betrachtet, verschiebt sich auch das Verständnis von Prävention. Sie besteht dann nicht nur darin, falsche Aussagen zu widerlegen, problematische Inhalte zu melden oder Menschen möglichst früh einer Kategorie zuzuordnen. All das kann wichtig sein. Aber es reicht nicht aus, wenn die eigentliche Wirkung dort entsteht, wo Fragmente an Erfahrungen, Gruppen und Affekte anschließen.

Prävention muss deshalb früher und zugleich tiefer fragen. Welche Erfahrungen machen bestimmte Deutungen plausibel? Welche Kränkungen werden aufgegriffen? Welche Form von Zugehörigkeit wird angeboten? Welche Unsicherheit wird in Feindbilder übersetzt? Welche Gewaltfantasie verspricht Selbstwirksamkeit? Welche Abwertung fühlt sich in einer Gruppe nicht mehr wie Abwertung an, sondern wie Klarheit, Humor oder Mut?

Das klingt zunächst anspruchsvoll, ist aber im Kern keine neue Erfindung. Gute Soziale Arbeit, politische Bildung, Mobile Jugendarbeit und Distanzierungsarbeit arbeiten längst mit solchen Fragen. Sie schauen nicht nur auf Aussagen, sondern auf Lebenslagen. Nicht nur auf Ideologie, sondern auf Funktion. Nicht nur auf das, was jemand sagt, sondern darauf, wozu es dient: Schutz, Zugehörigkeit, Entlastung, Aufwertung, Orientierung, Provokation oder Bindung.

Gerade deshalb ist eine rein reaktive Präventionslogik zu schwach. Wer erst dann beginnt, wenn ein geschlossenes Weltbild sichtbar wird, kommt häufig zu spät. Zwischen einem abwertenden Witz und einer gefestigten Ideologie liegen viele kleine Schritte. Nicht jeder davon führt weiter. Viele bleiben stehen, lösen sich auf oder werden durch andere Erfahrungen korrigiert. Aber einige verdichten sich. Und Prävention muss genau dort ansprechbar sein, wo Verdichtung möglich wird.

Das bedeutet nicht, jedes problematische Fragment sofort als Radikalisierung zu behandeln. Das wäre fachlich falsch und pädagogisch gefährlich. Jugendliche provozieren. Menschen irren sich. Gruppen testen Grenzen. Humor kann dumm, verletzend oder roh sein, ohne dass daraus automatisch ein extremistisches Weltbild entsteht. Aber die Gegenbewegung darf auch nicht darin bestehen, alles als bloße Provokation abzutun. Entscheidend ist, genauer zu verstehen, wann aus einem Fragment eine wiederkehrende Deutung wird und wann aus einer Deutung Bindung entsteht.

Prävention als Arbeit an Resonanzbedingungen heißt deshalb: andere Formen von Resonanz ermöglichen. Anerkennung, ohne Abwertung anderer zu brauchen. Zugehörigkeit, ohne Feindbindung. Kritik, ohne Verschwörung. Konflikt, ohne Entmenschlichung. Selbstwirksamkeit, ohne Gewaltfantasie. Das klingt abstrakt, wird aber in der Praxis sehr konkret: in Jugendhäusern, Klassenzimmern, Beratungsprozessen, Elterngesprächen, Fortbildungen, digitalen Räumen und kommunalen Netzwerken.

Manchmal beginnt diese Arbeit mit einer einfachen Nachfrage. Was meinst du damit? Woher hast du das? Warum ist dir das wichtig? Wer sagt das auch? Wer widerspricht dir? Was würde passieren, wenn es nicht stimmt? Solche Fragen sind keine Zauberformel. Aber sie können einen Abstand öffnen zwischen Person und Fragment. Zwischen Gefühl und Deutung. Zwischen Zugehörigkeitswunsch und Feindbild.

Gleichzeitig braucht Prävention klare Grenzen. Wer Menschen abwertet, bedroht oder Gewalt legitimiert, darf nicht mit Verständnis verwechselt werden. Resonanzbedingungen zu verstehen bedeutet nicht, Verantwortung aufzulösen. Es bedeutet, Verantwortung überhaupt wirksam adressieren zu können. Denn nur wenn ich verstehe, wozu ein Fragment dient, kann ich sinnvoll daran arbeiten, dass es seine Funktion verliert.

Darin liegt auch eine politische Zumutung. Prävention ist weniger sichtbar als Repression, weniger eindeutig als ein Verbot, weniger schnell erzählbar als ein einzelner Erfolg. Sie arbeitet oft dort, wo noch nichts Spektakuläres passiert ist. In den Zwischenräumen. Bei Irritationen, Grenzverschiebungen, Gruppendynamiken, Sprachbildern, Suchbewegungen. Gerade deshalb ist sie so leicht zu unterschätzen.

Aber wenn die Gegenwart eine Zeit der Fragmente und Resonanzen ist, kann Prävention nicht nur auf fertige Ideologien warten. Sie muss dort arbeiten, wo Menschen anfangen, sich in bestimmten Deutungen wiederzuerkennen. Und sie muss Räume schaffen, in denen andere Antworten möglich werden, bevor die falschen Antworten zu fest sitzen.

Cui bono? Cui resonat? Cui nocet?

Am Ende bleibt vielleicht doch die alte Frage: Cui bono? Wem nützt es?

Es nützt denen, die aus Erregung Reichweite machen. Plattformlogiken leben nicht von demokratischer Qualität, sondern von Aufmerksamkeit, Verweildauer und Reaktion. Was wütend macht, was kränkt, was spaltet, was Menschen zum Kommentieren, Teilen oder Widersprechen bringt, ist nicht automatisch politisch gewollt. Aber es ist ökonomisch verwertbar. Der Feed unterscheidet nicht zuverlässig zwischen Aufklärung und Eskalation, zwischen berechtigter Kritik und menschenfeindlicher Zuspitzung. Er registriert vor allem, dass etwas wirkt.

Es nützt auch extremistischen Akteur:innen, wenn Ideologie nicht mehr als geschlossenes Programm auftreten muss. Sie können mit Fragmenten arbeiten. Mit Codes, Andeutungen, Bildern, Witzen, Feindmarkierungen, Opfererzählungen, Gewaltfantasien. Nicht jeder Mensch muss ein vollständiges Weltbild übernehmen, damit sich ein Fragment verbreitet. Es reicht, wenn es anschlussfähig ist. Wenn es weitergetragen wird. Wenn es normaler klingt als gestern.

Die zweite Frage ist deshalb mindestens ebenso wichtig: Cui resonat? Bei wem klingt es an?

Diese Frage ist keine Entschuldigung. Sie ist eine Voraussetzung für Verstehen. Wer fragt, warum etwas resoniert, nimmt Menschen nicht aus der Verantwortung. Er oder sie schaut genauer auf die Bedingungen, unter denen Verantwortung überhaupt adressierbar wird. Welche Erfahrung wird berührt? Welche Kränkung bekommt eine Richtung? Welche Gruppe bietet Anerkennung? Welches Misstrauen findet Sprache? Welche Abwertung fühlt sich plötzlich wie Selbstschutz an?

Und dann gibt es eine dritte Frage: Cui nocet? Wem schadet es?

Es schadet zuerst den Menschen, die von Abwertung, Ausgrenzung und Gewalt betroffen sind. Denjenigen, über die gesprochen wird, bevor mit ihnen gesprochen wird. Denjenigen, die in Memes, Kommentaren, Chatgruppen oder politischen Parolen zu Problemen erklärt werden. Denjenigen, deren Sicherheit, Würde und Zugehörigkeit verhandelbar gemacht wird.

Es schadet aber auch denen, die in solche Deutungsräume hineingezogen werden. Jugendlichen, die in Gruppen Anerkennung finden, aber den Preis dafür erst später verstehen. Menschen, die ihre Unsicherheit in Feindbilder übersetzen lernen. Personen, die sich aus selbst gebauten Wahrheiten kaum noch lösen können, weil jeder Widerspruch wie Beschämung wirkt und jede Korrektur wie Verrat.

Und es schadet einer Gesellschaft, die Prävention zu spät ernst nimmt. Wenn wir erst reagieren, wenn Weltbilder geschlossen, Gruppenbindungen verfestigt und Gewaltwege vorbereitet sind, haben wir viele frühere Momente verpasst. Momente, in denen ein Fragment noch befragbar gewesen wäre. In denen Zugehörigkeit anders hätte entstehen können. In denen Misstrauen noch nicht zur Gemeinschaft geworden war.

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Zumutung dieser Zeit. Wir müssen weiter gegen Rechtsextremismus, Islamismus, Linksextremismus, Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus, Verschwörungsideologien und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit arbeiten. Aber wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass sie immer in sauber getrennten Formen auftreten. Ihre Fragmente reichen weiter als ihre Programme. Ihre Resonanzen beginnen früher als ihre Bekenntnisse.

Das macht Prävention nicht einfacher. Aber es macht sie notwendiger. Sie muss dort ansprechbar sein, wo Menschen nach Deutung suchen, wo Gruppen Zugehörigkeit versprechen, wo digitale Räume Affekte verstärken und wo alte Ideologien in neuen Formen vertraut werden. Nicht, um alles zu erklären. Nicht, um Verantwortung zu relativieren. Sondern um andere Resonanzen zu ermöglichen, bevor die falschen zu fest sitzen.

Die Salatbar zeigt, was sich mischt. Lego zeigt, was gebaut wird. Der IKEA-Effekt erklärt, warum das Selbstgebaute schwer loszulassen ist. Misstrauensgemeinschaften zeigen, wie daraus Zugehörigkeit werden kann. Und Resonanz erinnert daran, dass Wirkung nie nur vom Angebot ausgeht, sondern auch davon, worauf es trifft.

O tempora, o resonantiae. Was für Zeiten. Was für Resonanzen. Und was für eine Aufgabe, früher zu hören, was da bereits zu schwingen beginnt.